Wenn vor mehr als fünfundzwanzig Jahren der Schalker Amtmann zur Mittagszeit die Akten zurückschob und seine Sprößlinge zum Spaziergang zusammenrief, so erregte dieser Ruf keine ungemischte Freude.
Vier Stunden Schulstubenarbeit schaffen hungrigen Magen, und dem stand das Mittagessen besser an als ein Gang ins Freie, der dreiviertel, oft auch eine ganze Stunde zu dauern pflegte. Aber der Amtmann war der Meinung, daß Bewegung in frischer und nach Möglichkeit reiner Luft für die Jugend ebenso notwendig sei wie das Lernen in der Schule, und daher führter er uns, seine heranwachsenden Kinder, durch die mittägliche Sonne die noch ungepflasterte, schon damals schwärzliche Oststraße hinab gen Braubauerschaft. So hieß die Nachbargemeinde, bevor sie den vornehmeren Namen Bismarck annahm.
Rechter Hand blieb der in ein Wirtshaus verwandelte Bauernhof der alten Schulten to Monekinck zurück, neben dem ein Kapellensaal nach Aufhören seines geistlichen Berufs dem Realgymnasium des emporblühenden Industrieorts als bescheidene Turnhalle diente. Links standen noch die Reste eines ehemals stattlichen Wäldchens, in dem Friedrich Grillo, der erfolgreiche Gründer, vor Jahren sein Wohnhaus erbaut hatte und das jetzt wie üblich einer Gartenwirtschaft zugehörte. Nun kamen Industrieanlagen: ein Teil des großen Drahtwalzwerks, dann der Ringofen und der hohe Förderturm der Zeche Consolidation II mit seinen lustig drehenden Förderrädern und gegenüber die ruhigere Eisenhütte. Weiter gings, wo die Zechenkolonie Sophienau mit ihren einförmigen, langweilig gereihten Zwei- und Vierfamilienhäusern begann, einem Anschlußgleis nach, den Plankenzaun des großen Grubenholzplatzes entlang, an einer hohen Schutthalde vorüber ... - und dann war man im Freien. Die grünen Wiesen und Weideflächen wechselten ab mit Kartoffelland und Kornfeldern, aus denen man mehr oder minder vorsichtig einige Kornblumen oder Raden herausholen konnte. In diesem freien Gelände ließ sich wandern, so lange man wollte, denn es erstreckte sich fast ununterbrochen zum Emscherflusse und darüberhinaus zum großen Hertener Walde. Jene reizvollen und noch fast ungestörten Waldungen zu erreichen, langte freilich die Mittagszeit nicht hin (...)
Viel schöne Natur, in des Wortes eigentlicher Bedeutung, bot der tägliche Weg des Trampelklubs, wie boshafte Mitschüler ihn benannten, nicht. Schon damals engten im Osten und Westen lange Häuserreihen den Horizont ein; die Halden, Schlote und Gebäude der Kohlen- und Eisenwerke hoben sich düster gegen den Himmel ab, und grauschwarze Rauchfahnen hingen im Winde. Aber man war nicht verwöhnt und schließlich immerhin ein halbes Stündchen außerhalb der Straßen und Häuser gewesen, hatte einiges Grün und blauen Himmel gesehen. An freien Nachmittagen und am Sonntag konnte man weiter wandern (...) zur Emscherschleuse, aus deren Kolk die Krähen große lebendige Flußmuscheln holten. Damals wurde hier noch gebadet, trotzdem es lebensgefährlich und streng untersagt war. Nun sind die Verbote seit Jahren hinfällig, denn in das Wasser dieses Flusses steckt freiwillig miemand mehr einen Finger. Die beiderseitigen Ufergelände waren fast frei von Siedlungen; nur wenige Zechen lagen auf der münsterländischen Nordseite, durch Wald und Feld getrennt und stundenweit von einander entfernt. (…) Man konnte in Feld und Wald ungestraft lagern, ohne sich hinterwärts anzuschwärzen, und auf die Bäume klettern, ohne pechschwarze Knie zu bekommen. Ging man aber in die ansprechende Ländlichkeit der westlichen Nachbargemeinde Heßler, wohin unseren Vater die Dienstpflichten oftmals riefen, so gab es auch da noch weiteste Flächen, vor denen die städtische und industrielle Entwicklung vorläufig Halt gemacht hatte. Saubere Bauernhöfe niedersächsischer Bauart, aus Fachwerk mit großem Einfahrtstor, inmitten freundlicher Eichenkämpe. lagen zwischen Wiesen und Kornfeldern verstreut; an Bach und Graben dufteten die Spiräen, und in manchen Gehölzen konnte man Maiglöckchen finden. (...)
Daß alles dies ein Ende haben könnte, kam uns nicht zum Bewußtsein. Sicher gab es auch damals schon einige, die schärfer in die Zukunft sahen als wir, die wir uns durch die Größe der Industrie, das Geniale und Gigantische im vielseitigen Menschenwerk gern und ganz fesseln ließen und uns an werdenden Fabrikanlagen, Straßen und Wohnhäusern ebenso wie an der Natur in Wald und Feld freuen konnten. Wir waren ja mit einem gewissen Recht stolz auf die amerikanisch genannte Entwicklung des Heimatortes und seiner Nachbarschaft und fühlten uns als Angehörige eines zielstrebigen Gemeinwesens voller Arbeitszähigkeit und Schaffensfreude. Selbst wenn die Giftdämpfe der Kokerei das naheliegende Gehölz zur Ruine wandelten, nahmen wir es als unvermeidlich hin; kaum, daß irgendwo einmal ein Bedauern hörbar wurde. (…)
Man begann ja erst am Ende des Jahrhunderts zu sehen, daß die Zerstörung der Natur unermeßliche Fortschritte gemacht hatte und daß man von ihren Resten als Naturdenkmälern sprechen müsse. Im Unterricht unserer Schulzeit kam der Begriff Heimatschutz nicht vor; auch ihn schuf die aus der Not erwachsene Einsicht der Jahrhundertwende. Wir sahen, ohne vile darüber nachzudenken, schon in den neunziger Jahren den Horizont unseres mittäglichen Weges enger werden. Häuserreihen drangen feldeinwärts; dreistöckige Einzelhäuser mit häßlichen Brandgiebeln wuchsen unvermittelt empor; einige Kirchhöfe mit armseligen Holzkreuzen und geschmacklosem Gräberzierrat schoben sich ein; hohe Schulgebäude und spitztürmige Kirchen reckten sich auf; Abzugskanäle furchten das ebene Gelände, Die schmalen Feldsteige verbreiterten sich zu schwarzen Aschenwegen, und einzelne davon bepflanzte man mit Rüstern, den Bäumen, die sich mit den Platanen um die Ehre streiten, den Einwirkungen der Industrie am zähesten zu trotzen. Immer merkbarer wurden diese Veränderungen. Unaufhörlich vollzog sich die Wandlung zum Zustande der Gegenwart. Und allmählich, als wir die Kinderschuhe schon ausgezogen hatten, kam auch uns die Ahnung von der furchtbaren Tragik, die auf einer dem Untergang geweihten Landschaft ruht. Nicht so bedrückte uns im Herbst die müde Sterbestimmung des buntblättrigen Laubwalds, folgte doch dem Vergehen die Auferstehung des Frühlings; hier starb die heimatliche Natur ohne Hoffnung. Ich ging nach Jahren im vierten Kriegsherbst (1917, WK) den alten Weg des Trampelklubs, der sich längst in alle Winde zerstreute. Ich versuchte ihn wenigstens zu gehen. Ganze Abschnitte waren verbaut und unzugänglich, und nur weniges erinnerte an die Zeit vor fünfundzwanzig Jahren. Bis auf etliche Weideflächen war alles Ansprechende verschwunden. Hinter verwahrlosten Zäunen oder Heckenresten lagen Anbaustücke aus Runkeln, Kohl und Kartoffeln. An den spärlichen Grasstreifen der Wege und Grabenböschungen grasten Ziegen, die der Humor der Gegend Bergmannskühe nennt. Alles fließende Wasser war tintenschwarz. Im kahlen Lande standen noch einige Bauernhöfe, ihre einst gelblichweißen Fachwerkfelder sahen zwischen dem schwarzen Balkenwerk schmutzig grau aus. Nur wenige Bäume waren geblieben. (…) Die Rauchfahnen senkten sich erdwärts, und die Luft war erfüllt mit jenem teerähnlichen Geruch, der vielen Teilen des Gebiets eigentümlich geworden ist. Der bedeckte Himmel aber war dunstig und trüber, als er anderswo an Regentagen aussieht. Auch andere Wege durch die längst Stadtteile der Großstadt gewordenen Heimatgemeinden bin ich wieder gegangen und habe manchen Vergleich zwischen dem Einst und dem Jetzt anstellen können. Auf Schritt und Tritt begegneten mir die gründlichsten Veränderungen, und oft habe ich ganze Heimatteile nur mit Mühe wieder entdecken können. Das, was ich schließlich erkannte, sah wie ein Fremdling in andersartiger Umgebund aus und paßte nicht mehr hinein. Was von ehemaliger Natur, früherer Ländlichkeit noch übrig war, wirkte unzeitgemäß und stimmte traurig. Doch auch diese letzten Reste sind dem Untergange verfallen.
Was dann bleiben wird, soll an dieser Stelle nicht ausgemalt werden. Es gibt Leute, die demgegenüber die malerisch-romantischen Schaustücke der Industrie in den Vordergrund zu stellen bemüht sind. Gewiß, die eisernen Linien des Fördergerüstes heben sich wundervoll vom schwefelgelben Westhimmel ab; dem dröhnenden Walzwerk mit seinem vielstimmigen Arbeitsliede zu lauschen, gewährt einen eigenen Genuß, und die brausenden Flammen der Bessermerbirnen, die feurigen Schlangen des Drahtwerkes, die hellen, um die rotgelb glühenden Koksmauer wallenden Wasserdampfschwaden fesseln den nächtlichen Beobachter stets von neuem. Aber alles das steht auf einem anderen Blatt. Man darf begeistert zustimmen und wird doch unerbittlich feststellen müssen, daß weite Teile des Industrielandes bei aller Großartigkeit ihrer Werke und Arbeit und unendlich vielem verarmt sind, was ohne Schaden für Leib und Seele nicht zu entbehren ist. (…)
Aus: H. Klose, Das westfälische Industriergebiet und die Erhaltung der Natur, Berlin 1919, S. 3-8.